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Anekdoten

Die Anekdoten und Beobachtungen wurden im Sommer 2003 von Gisela Schulte (Schwiegertochter) und Jochen Pöhlert-Schulte (Enkel) aus Gedächtnis-Notizen zusammengestellt

Im zeitlichen Abstand von nunmehr über fünf Jahrzehnten (ich war 15, als mein Großvater 1972 starb) sind Farben, Stimmen, Gerüche und andere Eindrücke notgedrungen verblasst.

 

Was bleibt, ist die kindliche Erinnerung und das Bewußtsein, in der Jugend die künstlerisch konditionierende Luft eines unkonventionellen Menschen geatmet zu haben.

 

Unter diesem Aspekt sind die folgenden Bruchstücke der Erinnerung allenfalls als atmosphärische Mosaiksteine zu verstehen, die das Wesen Victor Schultes skizzenhaft umreißen…

 

 

Als junger Maler 1907 in Paris mit Picasso, Delaunay, Braque und anderen damals noch weitgehend unbekannten Modernisten in den Cafés am Montparnasse. Victor Schulte war damals zu Fuß (!) von seiner Geburtsstadt Antwerpen nach Paris gelaufen! Das „Café du Dome“ war zwischen 1905 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges das berühmteste Künstlerlokal. Hier trafen sich Maler, Bildhauer, Dichter, Musiker, Journalisten und Kunsthändler. 

Drohten in den frühen Morgenstunden „Gefahren“, weil die Freunde nach durchzechter Nacht lautstark diskutierend nach Hause liefen, ging Victor Schulte als „Aufpasser“ am Schluß, was ihm den Beinamen „Deutsche Riege“ eintrug.

 

Mit Malerfreunden 1908 zu Fuß (!) nach Rom. Dort nie zum Kolosseum gelangt, weil man auf dem Weg dorthin immer wieder bei irgendeinem Freund und einem Glas Rotwein hängengeblieben war. Von seinen damaligen Freunden den Schweizer Malern Hermann Huber und Reinhold Kündig sprach er mit Bewunderung. Man hatte nichts, aber teilte Alles.

 

Victor Schulte sprach von Huber später als einem Dickschädel. Der eine „hochwohl- geborene“ Bremer Bürgerstochter zur Frau nahm, diese aber „fern von der Welt“ auf einer Almhütte „hielt“. Freunde, die ihn dort in der Einsamkeit besuchten, durften weder Radio hören noch Zeitung lesen. Kamen Besucher oder Käufer, war Huber „gerade mal beim Forellenfangen“, und man hatte eben Pech gehabt …

 

Huber, der beim Studium in München Paul Klee und Victor Schulte kennengelernt hatte, kam durch meinen Großvater zu dem einflußreichen Beuroner Malermönch Jan Willibrord Verkade. Victor Schulte erzählte: „wenn wir eine Zitrone gemalt haben, dann hat man vor lauter Schlagschatten keine Zitrone mehr gesehen. Dann kam Verkade und sprach von einem ganz einfachen „Kontürle“ – und dabei machte er eine zeichnende Handbewegung.“

 

Victor Schulte liebte die Anekdote von dem Maler, der Rat- und Urteilsuchend bei Picasso erschien und von jenem gesagt bekam: „… wissen Sie, in Ihrem Alter war Raffael schon zehn Jahre tot.“

 

Über eine jüngere Malergeneration, die in einigen Fällen anscheinend nur studierte, um Kunsterzieher mit Beamtengehalt werden zu können, mokierte er sich wiederholt, da man „nicht mit der linken Hand Schlagsahne essen und mit der Rechten gleichzeitig gute Bilder malen könne.“

 

Mit Victor Schulte durch eine Ausstellung zu gehen, war ein Genuß. Wenn er vor einem Bild lange stehen blieb, die Fingerspitzen aneinander rieb und sagte: „der hat’s gehabt!“

 

Fachleute: mit Sohn Herbert und einem befreundeten Maler vor einem abstrakten Bild. Nur Flächen und Balken. Der Freund sagt: „malen kann er!“ Victor Schulte: „Ja das kann er“. Sohn: ratlos.

 

Besuch einer Ausstellung des Malerbekannten Hans M. Purrmann (Pariser Kreis um Matisse) mit seiner Schwiegertochter Gisela. Diese zweifelnd und wenig begeistert. Seine unauffällige und nicht belehrende Pädagogik: auf dem Heimweg geht man – nicht ganz zufällig – am Schaufenster eines Bildergeschäftes vorbei, wo Gisela nun – angesichts röhrender Hirsch vor Alpenglühen – feststellt, daß Purrmann doch ein guter Maler sei.

 

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Ehefrau Julie Schulte (1904 – 1999) hatte eine Freundin, mit der sie in ihrer Jugend eine Frauenschule, die sog. „Maiden-Schule“ besucht hatte. („Maid“ stand für Mut, Ausdauer, Idealismus und Demut!). Diese Jugendfreundin heiratete später den Gambisten August Wenzinger, einen Professor an der Scola Cantorum in Basel. Julie Schulte liebte Wagner und Barockmusik. Immer, wenn sie im sommerlichen Garten bügelte, lief im Hintergrund entsprechende Musik von der Schallplatte. Besagter Wenzinger war auch Leiter der Herrenhäuser Festspiele (Hannover): Barockgarten mit Barockfontaine (von Leibniz für Königin Sophie-Charlotte konstruiert … „le jardin … c’est ma vie“.) Barockmusik und Opern wie Monteverdis „Orpheus“ – Julie Schulte hörte diese Oper in einer Festspielsaison vier bis fünf mal!

 

Wenzingers wurden zum Essen ins Haus Schulte eingeladen. Victor Schulte’s Kommentar dazu: „wenn Wenzinger kommt, läßt die Mama Messer und Gabel fallen. Ich sehe nur, daß der Frack nicht sitzt!“ (es folgte eine ironische Imitation des „meisterlichen Bühnen-Ab- gangs“. 

 

Wie die Frauen nach einem chinesischen Sprichwort „die Hälfte des Himmels tragen“, so sagte Frau Wenzinger stets: „Wir geben ein Konzert“.

 

Schwiegertochter und Enkel gehen spazieren. Victor Schulte will nachkommen, sobald er Wenzingers begrüßt hat: „ich hoffte, etwas über die neuesten kulturellen Ereignisse zu hören, aber es wurde nur von großer Wäsche und dem Aufhängen von Gardinen gesprochen.“

 

Julie Schulte beklagte sich bisweilen, wenn ihr Mann wieder mal nicht rechtzeitig zum Essen erschienen war. Die Gründe hierfür konnten verschiedener Art sein: Landschafts- motiv-Suche, zeitvergessenes Verweilen über einem Bild, kurze Gespräche resp. kleine Flirts mit einer seiner zahlreichen Bekanntschaften. Er konterte wiederholt: „Menzel aß auch immer kalt“. Bei anderer Gelegenheit die ironische Bemerkung: „wenn kein Toilettenpapier mehr da ist, merkt man doch, daß die Mama verreist ist.“

 

Julie Schulte war eine stattliche Frau beinahe Rubens’scher Maße, und übertraf ihren Mann an Körpergröße und Statur. Wenn sie mit dem Rücken zur Tür in der Küche stand, rief Victor Schulte beim Betreten derselben: „Vorsicht!“. - „Warum sagst Du denn Vorsicht, Papa?“ – „Man weiß nie, wenn die Mama mal zurücktritt!“

 

Für Ohren, die es hören wollten bzw. konnten, war sanfte Ironie oder eine leichter, mitunter an Sarkasmus grenzender Spott in Victor Schultes Alltagssprache zu bemerken. Situations-Komik bei einem Spaziergang: voraus gingen Mama Julie und Tochter Ingrid, es folgten Victor Schulte und Schwiegertochter Gisela. Seine Bemerkung: „man sieht doch gleich – die Damen kommen nicht aus Paris!“

 

Saubermachen im Atelier war ihm ein Gräuel. Wenn dort – was selten vorkam – einmal aufgeräumt wurde, fand er nichts mehr wieder, denn seine Ordnung (mit dem Rasierschaum neben dem Wermutglas und der Zeichenkreide) war nun zerstört. Er erwähnte bisweilen einen Maler, bei dem nur einmal im Jahr geputzt wurde, und ein nie aufräumendes Genie, welches immer in ein neues Atelier umzog, wenn das vorige wegen Unordnung und Überfüllung zu eng geworden war.

 

Bei mir wird jede Woche geputzt!“ bedauerte er, und liebte nicht zuletzt deswegen das „Aki“ (das „Aktuelle Kino“ am Hannoveraner Bahnhof mit Nonstop-Filmen), wohin er Mama’s Putzbemühungen zu entfliehen suchte.

 

Beim Kirchrodener Dorfkinobesuch mit der Schwiegertochter gab es in dem Film „Salzburger Geschichten“ (mit Marianne Koch und Paul Hubschmid) einen Ort mit dem Namen „Himmelreich“. Im Film wurde eine Busfahrarte bestellt, mit den Worten: „einmal Himmelreich und zurück“. Dies wurde von Victor Schulte als „einmal Himmelreich und nie wieder zurück!“ fortan zum geflügelten Wort.

 

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Erzählungen von der Akademie und einem Professor der Kunstgeschichte, welcher einen von Victor Schulte ungefähr wie folgt imitierten Diavortrag hielt: „das nächste Bild … das Bild steht auf dem Kopf … ein Spitzweg … und Sie sehen ich hier, wie er da die Flöte blust …“

 

Auch das Geschehen am Theater (wo er seit den 20er Jahren als Maler arbeitete; ein nicht gerade geliebter profaner Gelderwerbs- wie wohl auch „Alibi-Job“) blieb nicht unkarikiert - der Chef der Bühnenmaler, welcher eine Delacroix-Ausstellung mit den Worten resümierte: „… mit dem Besen male ich das Alles in zwei Stunden!“. Schließlich war eben jener ja auch unter dem Beinamen „Meister des deutschen Waldbogens“ bekannt.

 

Fototermin mit dem damaligen weiblichen Star der hannoverschen Bühne, Friedel Mumme – der Theaterfotograph hinter der Kamera in breitestem Sächsisch; „Frau Mumme, jetz‘ mach‘ ich’s!“ … fortan auch ein geflügeltes Wort im Schulteschen Alltag.

 

An anderer Stelle seine Beschreibung des „Chores der Jungfrauen“: „in die Jahre gekommen, schon leicht ergraut und aus dem Leim gegangen, während der Pause strickenderweise die Stuhlreihen füllend“. Oder der Bühnenarbeiter, der eine Luke zum Zuschauerraum öffnet, hinunter-riecht (!) und feststellt: „Miete fünf“, womit die Abonnenten vom Lande gemeint waren, die aus dem Bus stiegen und dabei die langen Kleider herunterließen.

 

Mit der Schule stand der junge Victor Schulte – wie viele kreative Geister zu allen Zeiten – auf „relativem Kriegsfuß“. Unter seiner lateinischen Übersetzung, in welcher er – mangels Überblick und fehlendem Wortschatz – die „Heere wild aufeinander hatte prallen lassen“, stand die Bemerkung des Lehrers „sehr verworren, wer siegt!“. Auch das wurde zum Bonmot der Schultefamilie.

 

Seine Erlebnisse aus dem ersten Weltkrieg - zahlreiche Skizzenbücher und Erzählungen zwischen Verzweiflung und Galgenhumor: „Katastrophe – der Esel mit den Eisernen Kreuzen ist abgestützt!“. Oder vom Feldwebel, der einen Rekruten in der Hocke die „Pferde-Runde“ machen ließ, oder von dem armen Teufel, der das wildeste Pferd zu striegeln bekam, welches ausschlug, sobald man sich ihm nur näherte. „Sie putzen den Pferd, dauernd – ewig – für immer!!“ Und vom Helden der Artillerie, dem sog. „Stangenreiter“ auf der Deichsel der Kanone, wenn diese in Stellung gebracht wurde und nicht im Schlamm feststecken durfte.

 

Ein weiteres geflügeltes Wort lieferte ein Oberst. Auf die Antwort eines nach seiner Einheit befragten Rekruten: „Feldküche, Herr Oberst!“ erwiderte jener: „Nur ans Fressen denkt der Mensch!“

 

Erinnerungen seines Enkels Philipp Pöhlert-Brackrock (geb. Schulte):

Ich werde wohl so 8 oder 9 Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinem Opa Fotos anschaute. Auf einem lehnte er in Uniform mit Feldflasche und Ledertasche an einer Lafette. Auf meine Frage, was denn in der Flasche gewesen sei, sagte er: „Das war in Italien, da war Rotwein drin“. „Und was war in der Tasche?“ Er: „Meine Pistole“. „Und wofür hast du eine Pistole gebraucht?“ „Die hatte ich, damit sie mir meinen Rotwein nicht abnehmen!“

Ich habe diese Geschichte im Jahr 1987 bei der Feier des Kunstverein Hannover zum 100. Geburtstag Victor Schultes am Mikrofon erzählt. Wir Enkel, Jochen und ich, waren eingeladen, dort zu musizieren. Zuvor hatte eine Kunstprofessorin sehr langatmig und wortschwer über Victor Schultes Bilder referiert. Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung kam einer seiner Wegbegleiter – sicher über 90 Jahre alt – zu mir und meinte, mein Beitrag sei bei den heutigen Reden der Einzige gewesen, der Victor Schulte wirklich charakterisiert hätte.

Aus dem zweiten Weltkrieg kam er gebrochen zurück. Als er uns Enkel einmal friedlich schlafend betrachtet hatte und danach die Treppe herunterkam, sagte er: „in Rußland habe ich andere Bilder gesehen!“.

 

Mit Opa in der überfüllten Straßenbahn. Ich – eingeklemmt von den vielen Leuten, rufe laut: „drängelt doch nicht so, Ihr Scheißkerle“. Sein Kommentar: „das ist das Holz, aus dem unsere Feldwebel geschnitzt werden!“.

 

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Im Nachbargarten lernt ein Kind bei strahlendem Sonnenschein eine Goethe-Ballade für die Schule auswendig: „sie kommen, da kommt schon der nächtliche Graus …“. Victor Schulte fragte sich, was sich das Kind wohl darunter vorstellen mochte …

 

Die Zimmer in der Brabeckstraße (Hannover-Kirchrode) wurden frisch geweißt. Noch hingen keine Bilder. Er macht die Familie auf das farbliche Eigenleben der Wände aufmerksam, mit ihrem Licht und Schatten – Bilder seien eigentlich überflüssig …

 

Den beim Grundieren der Leinwände begeistert mithelfenden Enkeln rät er: „immer scheen dinn molen!“. – Beim Essen eines Apfels pflegte er uns zu fragen: „Ist Dein Opa Maler?“ – auf die bejahende Antwort reichte er einem den abgenagten Apfelstil mit den Worten: „hier, hast’n Pinsel!“.

 

Anstatt uns Enkel raten zu lassen, in welcher hinter dem Rücken gehaltenen Hand ein Pfirsich verborgen war, fragte er: „willst Du einen Pfirsich oder einen Stein?“.

 

Jemand monierte das Unkraut im Schulteschen Garten. Er versprach, ihn mit Stragula (Linoleum-Imitation) auslegen zu lassen.

 

Er liebte die Mädchen. Besonders die großen, blonden, schlanken – die „Gotischen“. Bei seinem Gang durch das Dorf wird er dauernd von Mädchen und Frauen begrüßt. „Na, Papa - ist Dir das nicht ein bißchen viel?“ – „Ach weißt Du, nur eine wäre mir doch zu anstrengend!“

 

Er zeichnet Radfahrerinnen oder eine „gotische“ Freundin beim Tennisspiel. Er kommt zu spät nach Hause. Julie Schulte murrt. Er beteuert scherzhaft: „aber Liebelchen, glaub‘ mir doch, ich habe wirklich nur gezeichnet!“.

 

Ein unscheinbares Mädchen ist zu Besuch. Er sagt ihr, daß sie ihn an eine Madonna von Lochner erinnert – ein Kompliment wie nur er es machen konnte, während ihn die etwas gedankenverloren am Tisch sitzende Schwiegertochter – auch ein Kompliment – an Voltaire erinnert.

 

Die Mädchen sind begeistert, weil ein Lippenstift genau die Farbe des neuen Pullovers hat. Victor Schulte ist entsetzt – Lippen seien Lippen und könnten niemals die Farbe von Wolle haben. Stark geschminkte Gesichter mag er nicht: „wenn es nur zur Abschreckung der Männer dienen sollte, verstünde er es ja noch …“. „Unten dunkel und schwer, oben hell und leicht“ galt bei ihm nicht nur für Fußböden und Zimmerdecken, sondern auch für Kleider und Schuhe.

 

Schwiegertochter Gisela führte stolz ein neues Kleid vor, hellblau mit weißen Punkten. Es gefiel nicht: „und die weißen Punkte hat der Generaldirektor gemacht!“

 

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Ostseeferien – Kurbetrieb – die Kurkapelle spielt, die Schwiegertochter findet es grauenvoll. Er: „ich glaube, die spielen ein Potpouree“!

 

Die Schwiegertochter, etwas belastet durch ein abgebrochenes Studium (meine Geburt war sozusagen „dazwischen gekommen“), klagt angesichts eines Türschildes „Dr. Dipl. usw.“: „so ein Türschild habe ich ja nun nicht!“. Er darauf: „wenn Du so ein Türschild hättest, könnte ich mich mit Dir auch nicht so gut unterhalten.“

 

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Er starb vor über 50 Jahren. Doch für uns geht er immer noch durch die Felder, die er so viele Male aquarelliert hat … und sagt beim Anblick des vielfarbigen Abendhimmels: „das hat die Natur von Nolde gelernt!“ – oder er holt neben einem blühenden Holunderstrauch sein weißes Taschentuch heraus, hält es neben eine der Blüten und zeigt seiner Begleiterin, daß Weiß nicht gleich Weiß ist …

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